In einer Zeit, in der die Anforderungen an Bildung zunehmend komplexer und vielfältiger werden, stellt sich eine grundlegende Frage: Sind Klausuren tatsächlich das geeignete Mittel, um den Lernfortschritt von Schülerinnen und Schülern zu messen? Dieser Gedanke ist keineswegs neu, aber er gewinnt zunehmend an Bedeutung – nicht zuletzt in der Berufsfachschule Sozialpädagogische Assistentin / Sozialpädagogischer Assistent, wo pädagogische Kompetenzen im Mittelpunkt stehen (sollten).
Klausuren, so die Argumentation vieler Kritiker, fokussieren sich zu sehr auf die Abfrage deklarativen Wissens. Ein Zitat aus der aktuellen pädagogischen Forschung bringt es auf den Punkt:
„Traditionelle Prüfungsformate wie Klausuren überprüfen primär deklaratives Wissen und vernachlässigen häufig die Bewertung von prozessualem Wissen oder Handlungswissen, das für die Praxis relevant ist.“ (Universität Heidelberg, Handreichung für kompetenzorientierte Prüfungen, S.12).
Doch wie relevant ist dieses deklarative Wissen wirklich, wenn es um den beruflichen Alltag geht? Können wir die Fähigkeit zur Problemlösung oder die Entwicklung von sozialpädagogischen Konzepten mit einer zweistündigen Klausur umfassend bewerten? Die Antwort scheint klar: nein!
Ein weiterer kritischer Punkt ist das sogenannte „Bulimielernen“ – ein Begriff, der zugegeben problematisch ist, da er Essstörungen als Krankheit trivialisiert. Trotzdem ist er im Diskurs noch gebräuchlich, um das Phänomen zu beschreiben: ein Begriff, der sich in den letzten Jahren leider fest im bildungspolitischen Diskurs etabliert hat.
„Klausuren begünstigen eine kurzfristige Lernstrategie, die auf das Memorieren von Fakten abzielt, anstatt langfristige Kompetenzen wie Problemlösung oder Transferleistung zu fördern.“ (Universität Greifswald, Leitfaden kompetenzorientierte Prüfungen, S.4).
Die Folge: Inhalte werden oft unmittelbar nach der Prüfung wieder vergessen, und der eigentliche Lernprozess bleibt oberflächlich.
Neben diesen didaktischen Schwächen stellt sich auch die Frage nach den psychologischen Auswirkungen. Prüfungsangst und der immense Druck, unter Zeitvorgaben Leistung zu erbringen, können das tatsächliche Potenzial der Lernenden massiv beeinträchtigen. Wie soll unter diesen Bedingungen ein realistisches Bild der Kompetenzen entstehen?
„Prüfungsangst und die Belastung durch Zeitdruck in Klausuren können dazu führen, dass die Leistung der Schüler*innen nicht die tatsächlichen Fähigkeiten widerspiegelt.“ (TUHH Leitfaden Gute Prüfungen gestalten, S. 7).
Doch die Kritik endet nicht bei der Frage nach Stress und Angst. Auch die mangelnde Authentizität von Klausuren wird immer wieder betont. Sie schaffen künstliche Situationen, die wenig mit den realen Anforderungen eines sozialpädagogischen Arbeitsfeldes zu tun haben.
„Klausuren bilden nur selten authentische Szenarien ab, in denen die erworbenen Kompetenzen tatsächlich angewendet werden müssten. Sie schaffen somit eine künstliche Prüfungssituation.“ (Faszination Lehre, Handreichung für kompetenzorientiertes Prüfen, S. 3).
Warum also nicht grundsätzlich Prüfungsformen wählen, die praxisnah sind? Projekte, Portfolios, Reflexionsaufgaben, Podcasts – die Möglichkeiten sind vielfältig und werden von vielen Bildungsexperten als valide Alternativen vorgeschlagen.
Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sprechen eine deutliche Sprache. Die Rahmenrichtlinien der Berufsfachschule für Sozialpädagogische Assistenten lassen bewusst Raum für alternative Leistungsnachweise.
„Die Module können durch verschiedene Formen von Leistungsnachweisen abgeschlossen werden, wobei der Kompetenzzuwachs der Schülerinnen und Schüler im Vordergrund steht.“ (EB-BbS 2022, Ergänzende Bestimmungen zur BbS-VO).
Es gibt also keine Verpflichtung, Klausuren als Standardlösung zu betrachten – im Gegenteil, es wird ausdrücklich zur Vielfalt ermutigt.
Am Ende steht eine Grundsatzfrage: Geht es uns um das Bestehen von Prüfungen oder um das echte Lernen? Die Antwort liegt auf der Hand. Eine Abkehr von der Fixierung auf Klausuren hin zu vielfältigen und kreativen Prüfungsformaten könnte nicht nur die Qualität der Bildung verbessern, sondern auch die Motivation und das Selbstvertrauen der Lernenden stärken. UND es rückt den eigentlichen Sinn von Schule wieder in den Fokus den LERNPROZESS!
Letztlich testen Klausuren nur eins, die Fähigkeit Klausuren zu schreiben.
Bezogen auf die Berufsfachschule sagt die rechtliche Perspektive folgendes:
- Keine Verpflichtung zu Klausuren
- Gemäß der Verordnung über berufsbildende Schulen (BbS-VO) und den Rahmenrichtlinien gibt es keine Vorschrift, die Klausuren in den Klassen 1 und 2 zwingend vorschreibt. Vielmehr steht die Wahl der Leistungsnachweise im Ermessen der Lehrkräfte: „Die Module können durch verschiedene Formen von Leistungsnachweisen abgeschlossen werden, wobei der Kompetenzzuwachs der Schülerinnen und Schüler im Vordergrund steht.“ (Quelle: EB-BbS, 2022, S. 47)
- Flexibilität in der Leistungsbewertung
- Die Rahmenrichtlinien für die berufsbezogenen Lernbereiche betonen Handlungsorientierung und lassen Raum für kreative Formen der Leistungsbewertung: „Der Unterricht ist nach dem didaktischen Konzept der Handlungsorientierung durchzuführen.“ (Quelle: Rahmenrichtlinien, 2016, S. 1)
Klausuren sind also nicht die einzige und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht die beste Methode, um den Kompetenzzuwachs und Lernprozess von Schülerinnen und Schülern zu bewerten. Die rechtlichen Rahmenbedingungen erlauben uns, alternative Leistungsnachweise einzusetzen, die praxisnaher, weniger stressbelastet und motivierender sind. Eine Ausrichtung auf vielfältigere Bewertungsformen würde sowohl den Lernenden als auch den Lehrkräften sowie den Anforderungen des Berufsalltags besser gerecht werden.
Die Diskussion ist eröffnet. Es ist an der Zeit, mutige Entscheidungen zu treffen!
Literaturempfehlungen
Blume, B. (2024). Warum noch lernen? Wie Schule in Zeiten von KI, Krisen und sozialer Ungerechtigkeit aussehen muss. München: Penguin Verlag.
El-Mafaalani, A. (2020). Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Kiepenheuer & Witsch.
Hattie, J. (2014). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Schneider Verlag Hohengehren.
Weisband, M. (2024). Die neue Schule der Demokratie: Wilder denken, wirksam handeln. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag.
Quellen
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