In der Ausbildung zur sozialen Assistenz stoßen Lehrkräfte und Schüler*innen gleichermaßen auf eine zentrale Herausforderung: Wie können Lernprozesse so gestaltet werden, dass sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Eigenverantwortung und Selbstständigkeit fördern? Digitale Tools bieten hierbei enorme Möglichkeiten – vorausgesetzt, sie werden gezielt eingesetzt. Doch was macht diese Werkzeuge so wirkungsvoll, und welche Rolle spielt die Lehrkraft in diesem Prozess?
Selbstreguliertes Lernen als Schlüsselkompetenz
Selbstreguliertes Lernen beschreibt die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess zu planen, überwachen und reflektieren – eine Kernkompetenz für die berufliche Bildung. Barry Zimmerman, ein Pionier auf diesem Gebiet, entwickelte ein Modell, das den Prozess in drei Phasen unterteilt: Planung, Durchführung und Reflexion. Diese Struktur hilft Lernenden, ihre Ziele bewusst zu setzen und ihren Fortschritt zu überwachen (Zimmerman, 1989). Besonders in der Ausbildung zur sozialen Assistenz ist dies entscheidend, da die Schüler*innen später eigenverantwortlich handeln und sich auf wechselnde berufliche Anforderungen einstellen müssen.
John Hattie betont zudem, wie wichtig es ist, dass Lernende ihre Fortschritte sichtbar machen können. Sichtbare Lernprozesse fördern nicht nur die Selbsteinschätzung, sondern steigern auch die Motivation und Eigenverantwortung (Hattie & Zierer, 2022).
Die Rolle digitaler Tools
Digitale Tools wie IServ, Mentimeter und Taskcards können diese Prozesse effektiv unterstützen. Sie schaffen Transparenz, strukturieren den Lernprozess und geben den Schüler*innen Werkzeuge an die Hand, um Verantwortung für ihren Lernweg zu übernehmen.
- IServ: Diese Schulplattform ermöglicht die datenschutzkonforme Organisation und Verwaltung von Aufgaben. Sie bietet eine klare Struktur, die den Schüler*innen hilft, Fristen einzuhalten und Aufgaben eigenständig zu organisieren (Esslinger-Hinz & Sliwka, 2021).
- Mentimeter: Ein interaktives Tool, das besonders in Brainstorming-Sessions begeistert. Die anonyme Teilnahme fördert die Motivation und gibt allen Lernenden eine Stimme, ohne Bewertungsdruck (Deci & Ryan, 2000).
- Taskcards: Als digitale Pinnwand ermöglicht Taskcards nicht nur die Bereitstellung von Informationen, sondern auch die strukturierte Dokumentation von Projekten. Die Transparenz und Flexibilität des Tools unterstützen die Eigenverantwortung der Schüler*innen und machen Lernprozesse sichtbar (Prengel, 2019; Hattie & Zierer, 2022).
Die Einführung digitaler Tools allein reicht jedoch nicht aus. Die Lehrkraft spielt eine doppelte Rolle: Sie agiert nicht nur als Wissensvermittlerin, sondern auch als Reflexionsbegleiterin. Laut Jaszus und Büchin-Wilhelm (2022) geht es darum, den Lernenden ein Vorbild in kritischer Wissensverarbeitung und eigenständiger Problemlösung zu sein. Das bedeutet, Schüler*innen nicht nur anzuleiten, sondern sie gezielt zur Reflexion ihres Lernprozesses zu ermutigen.
Fazit
Digitale Tools sind weit mehr als nur technische Hilfsmittel – sie sind Katalysatoren für einen Lernprozess, der Eigenverantwortung und Selbstständigkeit stärkt. Doch ihre Wirksamkeit hängt entscheidend davon ab, wie sie in den Unterricht integriert werden. Mit einer klaren Struktur, einer positiven Lernumgebung und der gezielten Unterstützung durch die Lehrkraft können sie das Potenzial der Schüler*innen voll entfalten.
Im nächsten Artikel werfen wir einen genaueren Blick auf die theoretischen Grundlagen des selbstregulierten Lernens und zeigen, warum dieses Konzept in der heutigen Bildungslandschaft unverzichtbar ist.
Dies ist der erste Teil der Artikelserie „Digitale Tools an der Berufsfachschule“. Anlass und Grundlage dieser Serie war mein wissenschaftlicher Praktikumsbericht im Wintersemester 2024\2025 im Rahmen meines Masterstudiums Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim.
Quellen
Quelle des Artikelbildes: Pixabay
Zimmerman, B. J. (1989). A Social Cognitive View of Self-Regulated Academic Learning. Journal of Educational Psychology, 81(3), 329–339.
Hattie, J., & Zierer, K. (2022). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen: Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von “Visible Learning for Teachers” (3. Auflage). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). Intrinsic and extrinsic motivations: Classic definitions and new directions. Contemporary Educational Psychology, 25(1), 54–67.
Jaszus, R., & Büchin-Wilhelm, I. (2022). Didaktik der Sozialpädagogik: Grundlagen für die Lehr-/Lernprozessgestaltung im Unterricht. Hamburg: Handwerk und Technik.
Prengel, A. (2019). Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Opladen: Verlag Barbara Budrich.
Esslinger-Hinz, I., & Sliwka, A. (2021). Schulpädagogik (2. Auflage). Weinheim: Beltz.
