Zurzeit lese ich das Buch „ZUSAMMEN SEIN – Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit“ von Hadija Haruna-Oelker. Sie berichtet darin aus Ihrer Perspektive als Mutter eines Kindes mit Behinderung über das Thema Inklusion. Dabei erzählt sie nicht allein von alltäglichen Begebenheiten, sondern stellt vielmehr Bezüge zu verschiedenen Aktivist*innen und weiteren Autor*innen her. Dies gelingt ihr aus meiner Sicht wirklich gut. Besonders hervorzuheben ist, dass am Ende eines jeden Kapitels, der jeweilige Inhalt in leichter Sprache zusammengefasst wird. Eine kluge Idee, um auf der einen Seite die Zugänglichkeit zu erleichtern und auf der anderen Seite die Gelegenheit zu bieten für ein eigenes persönliches Zwischenfazit oder Reflexion. 

Beim Lesen bin ich an der folgenden Textpassage hängengeblieben.

„Kulturwissenschaftler*in SchwarzRund und Künstler_ simo_ tier fordern dazu in ihrem Podcast Rampe? Reicht! die Zuhörenden auf, sich einen Kreis vorzustellen. Außerhalb dieses Kreises steht eine Person, die nicht in diesen Kreis reinpasst. Und Inklusion sagt: Alle im Kreis sind gleich oder ein bisschen unterschiedlich und sollten sich darum so verändern, dass die Person, die noch außerhalb des Kreises steht, auch teilhaben kann. Aber da dieses Modell praktisch nicht umgesetzt und stattdessen immer wieder als gescheitert erklärt wird, drehen sie die Perspektive um und gehen davon aus, dass alle, auch diejenigen, die schon im Kreis sind, aufgrund der dort herrschenden Normen ein ziemlich »ungeiles Leben« führen. Woraus sie den Schluss ziehen, dass sich im besten Fall alle aus dem Kreis herausbewegen sollten, um etwas ganz anderes zu machen. Dieses Bild, etwas Neues, Gemeinsames zu tun, macht für mich den Bereich der Bildung zu einem zentralen Ort und Element dieser gesellschaftlichen Veränderung. Wir brauchen einen neuen Kreis für eine echte Inklusion, um den Kontakt für Kinder zu schaffen, den sie als Erwachsene nicht mehr verlieren, um zusammen zu sein.“ (Haruna-Oelker 2024)

Das Zitat aus Haruna-Oelkers Buch illustriert anschaulich, warum das klassische Konzept von Inklusion nicht ausreicht. Es fordert dazu auf, den Kreis zu verlassen – oder neu zu denken. Doch wie soll gelingen, wenn der Kreis aus gesellschaftlichen Normen, Werten, Paradigmen etc. starr und unbeweglich ist? Ich stelle mir dabei einen Holzreifen vor, wie man ihn vielleicht noch vom Kinderturnen oder Sportunterricht aus der Schule kennt. Tja, und dann ist da eben nur für eine bestimmte Anzahl Menschen Platz in diesem Kreis. Da kann man nicht einfach mal einen zusätzlichen Menschen mit hineinnehmen, der den gesetzten Ansprüchen und Gepflogenheiten nicht genügt. Gleichgültig, ob ihm* dies aus physiologischen, psychischen, sozioökonomischen oder welchen Gründen auch immer schlicht nicht möglich ist oder ob er* dies aus Überzeugung nicht kann, weil er* beispielsweise hegemoniale Wertvorstellungen kritisch hinterfragt. Wenn so ein unveränderlicher Holzreifen als Rahmen gesetzt ist, scheint auch die daraus folgende Konsequenz zumindest nachvollziehbarer, dass Menschen bewusst oder aufgrund internalisierter Spielregeln Menschen ausgrenzen, die auf den ersten Blick nicht ihrer Norm entsprechen. 

Doch wie können wir dieses Bild aufbrechen und konkrete Veränderungen anstoßen? Meine Idee wäre es, um im Bild mit dem Holzreifen zu bleiben, diesen an mehreren Stellen zu durchtrennen, um eine echte Veränderung zu ermöglichen. Seien wir ehrlich, die Annahme, dass sich so ein Kreis, der vielen Menschen bereits lange Zeit Sicherheit und Orientierung bot, ad hoc auflöst oder beseitigen lässt, ist reine Utopie. Dennoch gibt es Bereiche im Holzreifen, bei denen aufgrund der Beschaffenheit ein Durchtrennen des Kreises am ehesten machbar erscheint. Ebenso denkbar ist es, dass durch Schwanken von Temperatur und Feuchtigkeit Spannungen im Kreis auftreten, denn wie lautet eine gängige Volksweisheit: „Holz arbeitet“.  An genau diesen Stellen könnte man ansetzen, mit Fingerspitzengefühl versteht sich. Vorsicht ist geboten, denn eine Trennung oder Bruch laufen in den seltensten Fällen geräuschlos ab. Es wird Gegenwehr und Bestrebungen geben, die Risse und so entstanden Lücken — man könnte sie auch Freiräume nennen — mit sozialem Druck, schlechtem Gewissen oder anderen Einflussnahmen als Kitt wieder zu schließen oder sogar zu leugnen. 

Ein Kreis, der sich ein Stück weit öffnet, indem einzelne Teile herausbrechen, bietet die Gelegenheit, zur Veränderung und den starren Rahmen sinnvoll zu ergänzen. Am besten mit Elementen, die auch gerne anpassungsfähig sein können. So entsteht Schritt für Schritt ein Rahmen, der Menschen losgelöst von Differenzkategorien mehr Platz  zur Verfügung stellt. Denn, wer hat festgelegt, dass der Rahmen ein Kreis sein muss? Vielleicht sollten wir den Holzreifen nicht nur durchtrennen, sondern ihn ständig weiterentwickeln – flexibel, organisch und bunt, wie die Menschen, die darin leben.

Quellen

Haruna-Oelker, H. (2024). Zusammen sein: Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit (S. 123–124). btb Verlag.

Foto Dominik Behrens

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