Friedrich Nietzsche hat mit seinem Satz aus der Götzen-Dämmerung (1888) einen echten Klassiker geschaffen. Ein Satz, der die einen motiviert und die anderen provoziert. Doch mal ehrlich: Lebten wir heute noch nach dieser Devise, hätte die moderne Wissenschaft (und so manche*r Therapeut*in) viel zu tun. Im Jahr 2024 klingt dieser Satz für mich eher wie ein Produkt der toxischen Optimismus-Industrie – einleuchtend auf den ersten Blick, aber bei näherem Hinsehen, schlicht unhaltbar. Das Zitat lässt sich auch gut auf eine Stufe stellen mit dem ‚allseits beliebten‘ Satz: „Das hat uns auch nicht geschadet.“ Ähm doch, hat es! Aber das würde hier jetzt zu weit führen…
Natürlich, ich verstehe, wo Nietzsche herkommt. In seiner Welt war das Leben ein ständiger Kampf, und die Herausforderung bestand darin, an Widerständen zu wachsen. Das Bild vom Leben als Schlachtfeld hat er übrigens von den Stoikern übernommen: Seneca schrieb schon „Leben ist Kriegführen“ („vivere militare est“). Klingt beeindruckend, aber das war auch eine Zeit, in der es keine Wellness-Wochenenden oder Achtsamkeits-Apps gab. Damals hat man halt irgendwie überlebt, weil es keine Alternative gab.
Nietzsche selbst hat diese Idee immer weiter radikalisiert. „Gelobt sei, was hart macht“, heißt es in seinem Zarathustra. Klingt gut für jemanden, der in kalten Bergen meditiert, während alle anderen am Fuß des Berges im Warmen sitzen. Aber ist das für uns heute noch relevant? Ich meine: Nein. Denn das Leben ist kein Wettkampf, und nicht jeder übereilte Sieg führt zu innerer Stärke.
Heutige Psychologie und Neurowissenschaften sehen das Ganze differenzierter. Es stimmt, dass wir an Krisen wachsen können – Stichwort posttraumatisches Wachstum. Wer Schwierigkeiten meistert, entwickelt oft neue Perspektiven, stärkere soziale Bindungen oder größeres Selbstbewusstsein. Resilienz, das Zauberwort unserer Zeit, bedeutet genau das: die Fähigkeit, sich von Rückschlägen zu erholen.
Aber – und hier liegt das Problem mit Nietzsches Satz – nicht alle Erfahrungen machen uns stärker. Manche machen uns einfach nur kaputt. Traumatische Ereignisse wie Verlust, Gewalt oder andauernder Stress können tiefe Wunden hinterlassen. Studien zeigen, dass chronischer Stress die Gehirnstruktur verändern, Depressionen auslösen und das Immunsystem schwächen kann. Mit anderen Worten: Was uns nicht umbringt, macht uns vielleicht schwächer. Das mag nicht so schmissig klingen wie Nietzsche, aber es ist die Wahrheit.
aus meiner Perspektive geht es in unserer Existenz darum, das Leben in seiner Ganzheit zu akzeptieren – mit all seinen Höhen und Tiefen. Statt immer stärker werden zu müssen, dürfen wir auch mal schwach sein. Es geht darum, Hilfe anzunehmen, Gemeinschaft zu suchen und auf unsere psychische Gesundheit zu achten. Philosophen wie Martha Nussbaum betonen, dass Mitgefühl und soziale Unterstützung oft wichtiger sind als eine stoische Härte gegenüber dem Leben.
Für mich liegt hier der entscheidende Punkt: Nietzsches Satz ist ein Aufruf zu ständigem Überwinden und Steigern. Das mag für eine kurze Motivationsspritze taugen, aber es setzt uns auch unter Druck. Wer immer nur wachsen soll, fühlt sich schnell unzureichend, wenn er mal stolpert. Das Leben ist aber nicht nur ein Marathon der Selbstoptimierung, sondern auch eine Reise voller Pausen, Umwege und Gemeinschaft.
Das heißt natürlich nicht, dass wir uns vor Herausforderungen drücken sollten. Aber anstatt zu fragen, ob uns ein Problem stärker macht, sollten wir vielleicht eher fragen: „Was brauche ich, um damit umzugehen?“ Manchmal ist es Mut, manchmal Geduld, manchmal einfach eine Umarmung. Nietzsche würde vielleicht die Augen rollen, aber ich denke, es funktioniert.
Und ja, ich gebe zu: Der Satz „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ klingt cool – zumindest auf einem T-Shirt im Fitnessstudio oder als Insta-Quote. Aber im echten Leben? Da braucht es mehr als einen catchy Spruch. Wir brauchen eine Balance aus Selbstfürsorge, Gemeinschaft und der Erlaubnis, auch mal schwach zu sein. Denn am Ende macht uns nicht nur der Widerstand stärker, sondern auch die Art, wie wir ihn bewältigen.
Nietzsche mag in manchen Augen ein Genie gewesen sein,. Aber sein Satz ist in der heutigen Zeit nur noch bedingt haltbar. Das Leben ist keine ständige Kriegsschule, sondern ein Mosaik aus Herausforderungen, Fehlern und kleinen Erfolgen. Es ist okay, nicht immer stärker zu werden – manchmal ist es genug, ein Fuß vor den anderen zu setzen
Quellen
Sommer, Andreas Urs. Band 6.1 Kommentar zu Nietzsches „Der Fall Wagner“ und „Götzen-Dämmerung“, Berlin, Boston: De Gruyter, 2013.
Foto Dominik Behrens
